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Lob und Tadel – eine Frage der Zeit! – Bertiegeschichte

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Hallo Ihr lieben Leseratten,

Es gibt einfach keine Zufälle im Leben. Letzte Woche habe ich damit geendet, dass es nichts bringt, wenn zwischen der Handlung eines Hundes und einer Strafe mehr als zwei Sekunden liegen. Und was denkt Ihr hab ich gerade erlebt? Eben, genau das!

Ich komme nämlich gerade mit Meinem vom dritten Pipimachenspaziergang. Da gehen wir meistens hier oben auf den Hügel. Ich hatte mir schon ordentlich Erleichterung verschafft und die wichtigsten Sträuchernachrichten gelesen, als auf einmal „Männeken1“ um die Ecke kam. Wie „Männeken“ wirklich heißt, weiß eigentlich keiner so genau, aber das passiert uns Hunden öfter, dass wir anders genannt werden, als wir eigentlich heißen. Jedenfalls kam „Männeken“ mit Leine und Halsband, aber ohne seinen Verfolger den Hügel hinauf gerannt. Ich ging ihm ein Stück entgegen, um ihn freundlich zu begrüßen. „Männeken“ erwiederte meinen Gruß und rannte dann zu Meinem2, um sich ein Leckerchen zu erbetteln. Sein Verfolger war mittlerweile auch schon in Sichtweite. Meiner2 steckte „Männeken“ noch schnell „sein“ Leckerchen zu und dann drehte dieser sich um, weil sein Verfolger keuchte: „Männeken, komm … du mir na‘ Hause! Da kannze aber wat erleben, dat sach ich dir!“ Männeken tat, wie ihm geheißen und lief freudig auf seinen Verfolger zu. Als er bei ihm angekommen war, hob er die Leine auf und zog den armen „Männeken“ am Ohr, dass er quiekte. „Wie oft hab ich dir gesacht, dat du nich weglaufen solls?! Wie oft …“

bertieDa haben wir es wieder, das typische Missverständnis! Wir haben „Männeken“, der freudig angelaufen kommt, weil er gerufen wurde. In seinem Kopf ist er mit dem Erblicken und Erreichen seines Verfolgers beschäftigt. Und wir haben den Verfolger, dessen Gedanken noch um das Weglaufen kreisen.

Wir Hunde konzentrieren uns immer auf das Wesentliche. Wir haben immer das im Kopf, was wir gerade tun. Das liegt vielleicht daran, dass wir vier Beine haben. Würden wir großartig darüber nachdenken, welches Bein wir vor 10 Sekunden wo hingestellt haben, würden wir ständig auf die Schnauze fallen.

Wir können uns sicherlich Dinge merken, sogar besser merken als Ihr, aber die Entscheidung, ob und mit welcher Bewertung wir Ereignisse abspeichern, erfolgt immer während des Ereignisses, allenfalls zwei Sekunden danach. Dann muss es passiert sein, weil wir unseren Gripps3 schon für neue Taten und Ereignisse brauchen.

Ihr Menschen macht das anders. Ihr könnt Entscheidungen und Handlungen noch Stunden, ja manchmal sogar Wochen später, überdenken und analysieren. Das ist bewundernswert. Wir Hunde können das nicht.

„Männeken“ hatte sein Weglaufen schon längst als positives Ereignis abgespeichert, als sein Verfolger bei uns ankam. Er hatte den feinen Bertie getroffen, ein paar nette Worte mit ihm gewechselt und obendrein noch bei Berties Menschen etwas Leckeres bekommen. Eine Top-Erfahrung, die sein Befinden deutlich verbessert hatte. Er wird also beim nächsten Mal wieder weglaufen, wenn sich die Chance bietet! Denn für ihn ist es relativ wahrscheinlich, dass ihm dabei erneut etwas Nettes widerfährt.

Die Standpauke des Verfolgers ändert daran überhaupt nichts. Männeken bezieht den Schmerz an seinem Ohr einzig und allein auf seine Rückkehr, nicht auf das Weglaufen. Er kann gar nicht anders, selbst wenn er wollte. Aufgrund dieser Erfahrungen wird er sich in Zukunft gerne für das Weglaufen entscheiden, sich aber dreimal überlegen wieder zurück zu kommen, da er die Erfahrung gemacht hat, dass er dafür bestraft wird.

Also Ihr Menschen, schreibt es euch doch bitte hinter die Ohren: Um einen Hund zu loben oder zu tadeln habt Ihr maximal zwei Sekunden Zeit. Das kann doch nicht so schwer sein.

Euer Bertie

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© Hundeschule WIR2 |  Autor: Ralf Lindner | Vervielfältigung nur zum privaten Gebrauch | Veröffentlichung in jeglicher Form nur nach schriftlicher Genehmigung | Mehr zu „Bertie“ findet Ihr auf www.bertie-der-terrier.de und www.hundeschule-wir2.de


Ruhrpott für Anfänger:

1 „Männeken“ ist eine Verniedlichung von „Mann“. Es bezeichnet zum einen, einen kleinen Mann oder einen kleinen Jungen. „Männeken“ wird aber auch oft als ermahnende Drohung ausgesprochen: „Männeken! Lass dat sein, sonst kannze wat erleben!“

2 Als „Meiner“ oder „Meine“ bezeichnen Paare Ihr nicht (mehr) ganz so heiß geliebtes Gegenstück. Beim Bäcker heißt es dann z.B.: „Geben se mich ma noch zwei von die Teilchen mit die Erdbeern drauf – die ist Meiner (anstelle von „mein Mann“) doch so gerne!“

3 Gripps = Gehirn, Wissen, Geist

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