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Kastration von Hunden

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Täglich wird gegen den § 6 Tierschutzgesetz (Amputationsverbot) verstoßen. Denn was ist es anderes, wenn man dem Hund die Fortpflanzungsorgane entfernt (=Kastration). Herr Gansloßer und Frau Strodtbeck beschreiben es plakativ: „… einem Hund aus Gründen einer angeblichen besseren Erziehbarkeit oder ähnlichen Argumenten zu kastrieren, wäre nichts anderes, als einem Hund, der ständig jagt, ein Bein abschneiden zu wollen. …“
(Quelle Dr. Gansloßer/Strodtbeck: Kastration aus verhaltensbiologischer Sicht)

Insbesondere die Kastration im Junghund-Stadium, also vor der geschlechtlichen Reife (Frühkastration), nimmt dem Hund die Möglichkeit erwachsen zu werden. Das bedeutet, dass Hormone, die wichtig sind für die Bildung der Nervenstrukturen im Gehirn nicht zur Verfügung stehen. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Stressverarbeitung und die soziale Intelligenz und Kompetenz. Der Hund bleibt weitestgehend unreif in seinem Handeln. Die Kastration hilft also nicht bei Erziehungsthemen, sondern ist dabei sogar eher kontraproduktiv.

Beim Rüden werden oft rüpelhaftes Benehmen aufgrund des Hormons Testosteron als Grund zur Kastration gesehen. Bei der Hündin sind es oftmals eher die Begleitumstände, die ebenfalls nicht medizinischer Art sind (z.B. die Blutung). Aber auch oft benannten Gesäugetumore, die angeblich durch eine frühe Kastration verhindert werden könnten, sind nicht ausschließlich dem Geschlechtshormon zuzuschreiben. Vielmehr kann der Grund auch in einer nicht artgerechten Ernährung liegen, welche ggf. zur Fettleibigkeit führen.

Scheinmutterschaft

Auch die Scheinträchtigkeit, die vielmehr eine Scheinmutterschaft ist, ist kein medizinischer Grund, sondern ein völlig normales Geschehen. Ca. 2 Monate nach der Läufigkeit (wenn eine gedeckte Hündin werfen würde) wird auch die ungedeckte Hündin durch ein entsprechendes Hormon (Prolaktin) auf das „Mutter-sein“ eingestellt, welches oftmals mit Gesäugeschwellung ggf. inkl. Milchproduktion und „Kuschelbedürfnis“ einhergeht, manchmal auch etwas melancholisch wirkt. Aber das Hormon kann bei der Hündin auch durch längere Anwesenheit eines anderen Welpens oder bei Schwangerschaft der Besitzerin aktiviert werden. Das gilt im Übrigen auch für Rüden. Der Rüde nimmt über die Sinnesorgane solch Veränderungen wahr und geht bereits auf Verteidigungsstellung (Hormon Prolaktin).

Hündinnen unterliegen damit hormonellen Schwankungen und können aufgrund dessen aggressiv reagieren (Jungtierverteidigung). Aber auch ein vorgeburtlicher Kontakt mit viel Testosteron (z.B. einzige Hündin im Wurf) kann die Hündin auf „rüpelhaftes“ Benehmen „programmieren“. In diesem Fall wäre eine Kastration sogar kontraproduktiv. Denn mit der Kastration nimmt man der Hündin die letzten weiblichen Hormone, das Verhalten wird sich vermutlich verstärken.

Unabhängig von den sexual-hormonellen Auslösern für aggressives Verhalten, kommen vielmehr andere Hormone in Betracht (Stresshormonsystem). Cortisol (aus der Nebennierenrinde) wird in z.B. Angstsituationen ausgeschüttet. Das Testosteron wirkt dabei eher Angst hemmend. Man kann sich daher vorstellen, dass die Angstaggression von unsicheren Rüden steigt, wenn sie durch die Kastration auch das Hormon Testosteron verlieren. Ferner wird in Situationen, die der Hund als bedrohlich empfindet, wird Noradrenalin ausgeschüttet. Dieser Botenstoff löst Selbstschutz- und Verteidigungsaggression aus und dient zusätzlich als Verstärker beim Lernen. Der Hund, der aggressives Verhalten in solch für ihn bedrohlichen Situationen als Problemlösung erfahren hat, wird dieses Verhalten zukünftig häufiger zeigen. Und wieder hat das Testosteron bei diesem Problemverhalten KEINEN Einfluss gehabt.

Selbst bei starkem Aufreiten muss nicht immer das Sexualhormon Testosteron im Spiel sein. Es kann auch dem Stressabbau dienen. Hunde, die eher stressgesteuert reagieren, werden durch die Wegnahme des Testosterons mittels Kastration noch unsicherer. Das unerwünschte Aufreiten wird damit also nicht behoben.

Chemische Kastration

Vor dem endgültigen Schritt der Kastration, ist die chemische Kastration mittels Implantationschip zu empfehlen, der die Sexualhormonproduktion unterdrückt. Somit kann für die Dauer der Wirksamkeit des Chips, das Verhalten ohne Einfluss des Sexualhormons beurteilt werden. Ggf. kann man in dieser Zeit auch mit Hilfe eines erfahrenen Hundetrainer/in eine Verhaltenskorrektur in so weit erreichen, dass das Verhalten auch nach der chemischer Kastration dauerhaft in bessere Bahnen gelenkt wird.

autor_alexandra_berndt

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