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Hyperaktivität beim Hund

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Um eines gleich vorweg zu nehmen: nicht jeder lebhafte Hund ist hyperaktiv. Wie viel Bewegung und anderweitige Beschäftigung ein Hund braucht, hängt unter anderem vom Alter und von der Rasse ab, wobei auch innerhalb derselben Rasse die Unterschiede beträchtlich sein können.

Wie erkenne ich jetzt aber einen hyperaktiven Hund?

Hunde, die an echter Hyperaktivität leiden, zeigen meist mehrere der folgenden Symptome in unterschiedlich starker Ausprägung. Zuerst einmal ist der Leidensdruck für Hund und Halter extrem hoch. Hyperaktive Hunde sind keine lebhaften, übermütigen Energiebündel. Sie kommen mit ihrer Umgebung schwer zurecht und leiden darunter, und das sieht man ihnen auch an. Das Leitsymptom ist natürlich die extreme Lebhaftigkeit dieser Hunde. Sie reagieren schon auf geringste Reize extrem stark, die Reaktionen sind oft unangemessen hoch. Hyperaktive Hunde finden nicht zur Ruhe und schlafen auch zu wenig, sie wirken extrem fahrig, scannen ununterbrochen die Umgebung, zerren beim Spaziergang an der Leine, wechseln ständig die Straßenseite, springen am Besitzer und auch an Fremden hoch, sind auch zu Hause permanent in Bewegung und wirken auch noch nervös und angespannt, wenn sie sich tatsächlich mal hinlegen. Das Erregungsniveau dieser Tiere ist ständig erhöht, auch ohne äußere Einflüsse. Klingelt es jetzt noch an der Tür oder nähert sich beim Spaziergang ein anderer Hund, so eskaliert die Situation meistens völlig. Die Hunde steigern ihr sowieso schon zu hohes Erregungslevel noch einmal und sind dann kaum noch zu bändigen und es dauert lange, bis sie sich wieder einigermaßen beruhigen können. Sie springen Besucher an und bellen ausdauernd, manche benehmen sich außerordentlich aufdringlich. Also werden diese Hunde oft weggesperrt, wenn Besuch kommt, was allerdings zu weiteren Problemen führen kann: jetzt kommt zum stark erhöhten Erregungsniveau noch Frustration dazu, was bei manchen Hunden zu regelrechten Zerstörungsorgien führen kann. Hyperaktive Hunde haben oft auch Probleme mit anderen Hunden. Da ihnen eine langsame Annäherung offensichtlich nicht möglich ist, fallen sie sozusagen mit der Tür ins Haus und rennen andere Hunde bei der Begrüßung schon einmal über den Haufen – was verständlicherweise nicht immer gut ankommt. Sie spielen oft sehr wild und körperbetont.

Was alle hyperaktiven Hunde gemeinsam haben, ist die Unfähigkeit sich zu konzentrieren. Die Konzentrationsspanne ist extrem niedrig, sie werden sehr schnell abgelenkt, können nicht zwischen wichtigen und unwichtigen Reizen unterscheiden und Erlerntes wird nur schwer behalten. Mit einem hyperaktiven Hund hat man das Gefühl, bei der Erziehung jeden Tag wieder von vorne anfangen zu müssen. Dazu kommt noch, dass die Halter extrem unter Druck stehen. Ständig müssen sie sich und ihren Hund verteidigen und sich seltsame Ratschläge anhören. Oft werden diese Hunde leider als dominant eingestuft und dem Besitzer zu mehr Härte geraten. Da hyperaktive Hunde aber sehr sensibel sind, führt mehr Härte wieder zu einer Steigerung des Erregungsniveaus und somit zu einer Verschlechterung der Symptome. Auch mehr Bewegung und mehr Beschäftigung sind nicht zielführend.

Hyperaktivität – Therapieansätze und deren Grenzen

Zuerst einmal muss unterschieden werden zwischen Hunden mit „echter“ Hyperaktivität und solchen, die nur hyperaktive Symptome zeigen. Bei der zweiten Kategorie handelt es sich meist um Hunde, die aufgrund von ungeeigneten Haltungsbedingungen auffällig werden. Hier unterscheidet man zwischen den Hunden, die zu wenig beschäftigt und denen, die zu viel beschäftigt werden. In beiden Fällen verschwinden die Symptome in der Regel völlig, sobald das richtige Maß an Beschäftigung für den jeweiligen Hund gefunden wurde.

„echter“ Hyperaktivität

Anders verhält es sich bei Hunden mit „echter“ Hyperaktivität. Die Ursache liegt hier in der gestörten Wahrnehmung: wichtige Reize können nicht von unwichtigen unterschieden werden, alles kommt ungefiltert im Gehirn an und verursacht verständlicherweise Stress beim Hund. „Echte“ Hyperaktivität ist nicht heilbar. Trotzdem kann man den betroffenen Tieren dabei helfen, ein annähernd normales Leben zu führen.

Die meisten Halter haben bereits auf die eine oder andere Art versucht, mit dem Problem umzugehen. Einige sind besonders streng mit ihrem Hund, weil die mangelnde Konzentration als dominantes Verhalten interpretiert wird, andere beschäftigen ihren Hund ununterbrochen, um ihn endlich müde zu bekommen. Beides ist nicht zielführend, es verschlimmert die Symptome sogar noch. Also steht am Anfang jeder Therapie die Aufklärung des Halters und das Einstellen ineffektiver Behandlungsmethoden.

Grundsätzlich ist alles zu vermeiden, was beim Hund das Erregungsniveau steigert: Der Umgang mit dem Hund sollte ruhig sein, Fehlverhalten sollte man möglichst ignorieren. Spaziergänge werden auf ein normales Maß reduziert, in manchen Fällen ist es besser, vorübergehend ganz darauf zu verzichten (man geht also mit dem Hund nur kurz raus, damit er seine „Geschäfte“ erledigen kann). Ballspiele und wilde Spiele mit anderen Hunden sind tabu. Viele hyperaktive Hunde können stundenlang im Garten hin und her rennen: auch das sollte unterbunden oder wenigstens zeitlich begrenzt werden. Zieht der Hund beim Spaziergang dauerhaft an der Leine, kann eine andere Leinenlänge ausprobiert werden.

Der Alltag zu Hause sollte so langweilig wie möglich sein. Der Hund soll lernen, sich zu entspannen – für hyperaktive Hunde eine völlig neue Erfahrung. Ruhiges Verhalten muss immer verstärkt werden. Gönnen Sie Ihrem Hund eine „Kuscheltherapie“ – Körperkontakt wirkt wahnsinnig beruhigend. Da hyperaktive Hunde auch eine gestörte Körperwahrnehmung haben, sollten begleitend immer Maßnahmen ergriffen werden, die die Körperwahrnehmung stärken. Dazu eignen sich Massagen, Tellington-Touch, Körperarbeit, Körperbandagen oder das Tragen von T-Shirts. Gleichzeitig soll die Konzentrationsfähigkeit erhöht werden. Man fängt mit den üblichen Grundgehorsamsübungen an und steigert sich dann sehr langsam. Die Trainingseinheiten sollten sehr kurz gehalten und der Hund nicht überfordert werden. Die Lernerfolge werden sich langsamer einstellen als bei einem unauffälligen Hund und in den meisten Fällen auch nie so sicher abrufbar sein. Der hyperaktive Hund sollte immer Einzelunterricht bekommen – mit Gruppenunterricht wäre er völlig überfordert. Um die Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen, eigenen sich z.B. auch Suchspiele, Fährtenarbeit oder Clickertraining.

Hyperaktive Hunde können im Rahmen ihrer Fähigkeiten durchaus beträchtliche Fortschritte machen. Trotzdem wird der Halter immer das Erregungsniveau seines Hundes im Auge behalten und sich auf Rückschläge einstellen müssen. Aber mit den geeigneten Maßnahmen bekommt man das Problem jedes Mal schneller wieder in den Griff.

autor_karin_oswald

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Meinungen unserer Leser zum Artikel: Hyperaktivität beim Hund

  • Meine English Pointer Hündin ist leider ein „echter“ Hyperaktiver. Wir haben sie mit ca. 2 1/2 Jahren aus dem Tierschutz übernommen und ich war nach einigen Monaten völlig am Ende, gefrustet und verunsichert, wie wir jemals einen normalen Alltag mit ihr haben können. Selbst Pipi machen war (und ist oft immer noch) ein Riesen Problem. Es ging einfach nicht. Sobald irgendwo auch nur ein Blatt im Wind wehte, ging all ihre Aufmerksamkeit dorthin. Unzählige Male hat sie direkt nach einem erfolglosen Spaziergang in unsere Wohnung gepirscht, ganz verschämt und doch so dringlich. Mittlerweile haben wir dieses Problem nur noch phasenweise und wenn, dann macht sie zum Glück nicht mehr in die Wohnung. Aber ich leide schon mit ihr, wenn sie manchmal tagsüber 17 Stunden am Stück nicht pieschen kann, weil draußen mal wieder zu viel für sie los ist. Unser Schnauzermix ist da ganz anders als sie. Den bringt kaum etwas aus der Ruhe und er schaut mich bei den meisten Reizen erst einmalfragend an.
    Mittlerweile haben wir einige Wege gefunden, die ihr und uns den Alltag erleichtern. Zuhause hat sie ein Schlafbox. Wenn sie nicht zur Ruhe kommt, wird die Box verschlossen. Dann dauert es keine 2 Minuten und sie legt sich hin und schläft ein. Fast so als ob man sie zwingen müsste zur Ruhe zu kommen. Füttern in der Wohnung, Geschirr anbringen etc., alles wird ganz ruhig gemacht und immer so, dass ich sie aus einer ruhigen Situation „abhole“. Zusätzlich bekommt sie zur Zeit ein Mittel gegen Stress, da sie bereits die ersten körperlichen Stresssymptome gezeigt hat (erhöhte Magensäurebildung etc.).
    Im Training setze ich viel auf Abschalttraining, Impulskontrolle (sofern das bis jetzt möglich ist) und Jagdspiele. Diese pushen sie zwar manchmal auch auf, aber sie ist eine passionierte Jägerin und ich muss ihr immer wieder klar machen, dass die Jagd nur mit mir als Rädelsführer erfolgreich ist und Spaß macht. Abe auch hier versuche ich immer wieder auch aus einer ruhigen Situation heraus die zum Apport oder zur Suche zu schicken oder sie muss mal 1 Minute warten, bis sie ihrer Beute hinterher darf.
    Ich weiß nicht, ob so ein Leben für sie wirklich lebenswert ist. Aber da sie es mir nicht sagen kann, versuche ich weiter jeden Tag sie auf dieses stressige Hundeleben in unserer Menschenwelt vorzubereiten. Sie tut mir leid, wenn sie mal wieder pfötelnd, hechelnd und zitternd neben mir einfach nur für 1 Minute Sitz machen soll im Garten, während mein Schnauzermix völlig gelangweilt neben uns sitzt. Ich frage mich, ob man nicht durch die entsprechende Erziehung und Desensibilisierung im Welpenalter nicht viel mehr gegen ihre Hyperaktivität hätte machen können oder ob es dann überhaupt erst so heftig geworden wäre. Aber auch das ist ein unnötiger Gedanke, denn sie ist nun einmal der Hund, der sie jetzt ist und auch wenn ich die „Suppe“ auslöffeln muss, die ihre Vorbesitzer ihr eingebrockt haben, so denke ich doch immer, dass sie es bei uns viel besser hat als bei anderen Menschen. Wir können und wollen uns die Zeit nehmen, die sie braucht, und ich wünsche ihr von Herzen, dass sie irgendwann ein deutlich entspannteres Leben führen kann.

    Anna 27. Oktober 2016 22:06
  • Hallo :)

    Unser Michlingsrüde scheint da so ein Mix von beidem zu sein, er hat definitive einige der „Symptome“, aber doch kann er zu Hause auch mal nur rumliegen (für „kurze“ Zeit zumindest) und es ist auch möglich ihn in ein Restaurant mitzunehmen, wenn er sich unter den Tisch zurückziehen kann. Nur sobald es auf den Spaziergang geht oder wir Besuch bekommen geht die Action los. Ruhig an der Leine laufen geht nur selten… erst wird da geschnüffelt, dann da, dann wieder dort, dann wird nach vorne geprescht und wenn dann noch ein Hund entgegenkommt ist er nicht mehr zu halten. Wir haben ihn bekommen als er 1jährig war, unser erster Hund und wir mussten viel dazu lernen, vorallem ,dass wir mit ihm besonders ruhig umgehen müssen und harrsche Worte nichts bringen.. Jetzt ist er zwei und es ist besser. Aber er ist noch immer viel zu aufgedreht auf Spaziergängen und in neuen Situationen, Freilauf ist kein Thema leider. Ich hoffe, dass wir das noch hin bekommen und dass es mit dem Älterwerden ev au noch bessert…

    DIANA 25. Januar 2017 14:31
  • Unser Biewer Yorkshire Terrier ist auch hyperaktiv er findet echt keine Ruhe noch nicht mal in der Wohnung. Weil er mit 8 Monaten anfing beim Schellen wie wild an zu bellen oder wenn jemand mitten in der Nacht nach Hause kam was zu Beschwerden von meiner direkten Nachbarin! Was zur Folge hatte das ich eine Abmahnung bekam von meinem Vermieter bin ich mit ihm in eine Hundeschule gegangen und da kam das erste Mal das Thema Hyperaktivität zur Sprache. Die Leiterin meinte er hätte ADAS! Ich dachte es wäre nur Spaß gewesen weil er sich immer ablenken ließ beim Training aber nachdem ich jetzt den Artikel durch gelesen habe weiß ich das er wirklich Hyperaktiv ist! Aber der Besuch der Hundeschule hat uns sehr viel gebracht denn dadurch haben wir eine engere Bindung zueinander bekommen. Und da ich ja jetzt weiß das er Hyperaktiv ist kann ich auch besser mit seinem Verhalten umgehen. Ich dachte immer es würde nur daran liegen weil er nicht kastriert ist! Ich hatte zwar schon mal einen Hund aber der war schon kastriert als ich ihn bekam!

    Sina Ernst 12. August 2017 20:36

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