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Dominanz von Hunden – Der Feind auf meinem Sofa

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In den Augen vieler Menschen ist es ganz schlimm, wenn man dem Hund zu viele Freiheiten gewährt, z.B. ihn im Bett schlafen lässt, er zuerst durch die Haustür und auf die Couch darf oder sogar seinen eigenen Sessel hat, den ihm niemand streitig macht. Man kocht für ihn, strickt ihm Pullis (ja, ich bin auch so ein Fall!) und würde sein letztes Hemd für sein Wohlergehen hergeben. Ich habe bewusst das Wort „opfern“ nicht verwendet, weil diese Fürsorglichkeit ein Aspekt der Liebe ist und das hat nichts mit „aufopfern“ zu tun, da es eine freiwillige Leistung ist!

Die Annahme, dass ein Hund, motiviert von seinem biologischen bzw. genetischen Erbe, sich nichts sehnlicher wünscht, als seinen Hundehalter zu unterjochen, ihn zu terrorisieren und die Weltherrschaft an sich zu reißen, der man durch zu viel Freiheiten Haus und Hof öffnet, ist blanker Unsinn.

DAS ist eine absolute Vermenschlichung des Hundes!

Hunde können und wollen keine Menschen sein! Wieso sollten Sie dann Interesse daran haben, die Weltherrschaft über eine Art haben zu wollen, deren Lebensform sie komplett überfordert und letztlich nicht wirklich interessiert…außer in Bezug auf die überlebenswichtigen Privilegien, wie regelmäßig über gutes Futter zu verfügen, einen warmen Schlafplatz und das Gefühl zu haben, ein Mitglied seiner artreichen Patchworkfamilie zu sein?

Das Kreuz mit der Dominanz

Wenn man als Hundehalter von anderen zu hören bekommt oder sogar selbst zu dem Schluss kommt, der Hund sei dominant, dann ist das oft negativ gemeint. Ich glaube, dass diese negative Färbung aus einer unkorrekten Definition des Begriffs „Dominanz“ entstanden ist, das das aggressive Verhalten automatisiert integriert und in dieser Form möglicherweise unhinterfragt weitergetragen wurde.

Jetzt mal Butter bei die Fische! Ist ein Hund dominant, weil er in manchen Situationen droht oder abschnappt? Nein, nicht unbedingt! Allerdings scheint mir diese Vermischung von Aggression und Dominanz eine Ursache dafür zu sein, dass die Dominanz so schlecht dasteht. Aggression ist nur EINE Methode unter vielen anderen, um sich durchzusetzen.

Im Duden finden Sie zu dem Begriff „dominant“ folgende Synonyme:

bestimmend, dominierend, führend, tonangebend, überlegen, übermächtig, beherrschend

kurzum: ein Lebewesen, das als dominant bezeichnet wird, kann sich durchsetzen!

Was ist denn so schlimm an Durchsetzungsfähigkeit? Wir alle benötigen diese Fähigkeit und es tut uns nicht gut, nicht bis zu einem gewissen Grad darüber zu verfügen. Das gilt auch für Hunde. Wir alle wollen uns wohl- und sicher fühlen und müssen unsere Rechte durchsetzen…wenn nicht, dann kann man uns (und dem Hund auch) die Butter vom Brot nehmen. Wer will das schon?

Keiner wird Manager, der sich nicht durchsetzen kann. Keiner bekommt genug zu essen, der sich ständig vom Napf wegdrängen lässt…diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Ihnen fällt jetzt bestimmt auch noch das ein oder andere Beispiel ein, das hervorragend zu der Aufzählung passen würde, nicht wahr? Wahrscheinlich macht es auch hier mal wieder die gesunde Mischung, ob Dominanz negativ oder positiv bewertet wird. Ein Zuviel ist genauso unausbalanciert wie ein Zuwenig!

Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden einen kleinen, niedlichen Hund halten. Mit diesem gehen Sie, wie jeden Tag, spazieren und treffen unterwegs auf Ihre nette Nachbarin, von der Sie sich in einen Plausch verwickeln lassen. Ins Gespräch vertieft, hören Sie, wie Ihr Hund leise ab und an winselt. Sie reden weiter mit Ihrer Nachbarin und reagieren nicht weiter. Dann beginnt Ihr kleiner, niedlicher Hund Sie anzuspringen. Sie schauen zu ihm hinunter, unterbrechen das Gespräch und blicken in diese unsagbar süßen, braunen Knopfaugen, die Sie ganz lieb anschauen. Dabei wedelt Ihr Liebling leicht mit dem Schwanz und „lächelt“ (Maulwinkel nach hinten gezogen) Sie an, worauf hin Sie ihn zu streicheln beginnen, obwohl Sie doch gerade mit Ihrer netten Nachbarin ins Gespräch vertieft waren.

Und Sie fangen ebenfalls zu lächeln an, weil Sie sich dabei wohlfühlen, dass der Hund Sie so goldig anschaut. Sie glauben, er möchte zu Ihnen Kontakt, weil er Sie mag. Vielleicht tut er das auch. Aber vielleicht macht er es auch deshalb, weil er sich gelangweilt hatte und den Spaziergang fortsetzen möchte, was im Grunde ja auch richtig wäre. Oder weshalb sind Sie mit dem Hund nach draußen gegangen?

Jedenfalls gibt Ihre Nachbarin bald auf, weil Sie neben so einem Herzchen eh keine Chance hat, Ihre Aufmerksamkeit zurückzugewinnen und verabschiedet sich. Sie setzen den Spaziergang fort, nachdem Sie sich mit der Nachbarin zum Kaffee verabredet haben. Ihre Nachbarin kennt das schon, dass es schwierig ist, sich mit Ihnen zu unterhalten, wenn der Hund dabei ist.

Und? Was hatte der Hund getan? Er hat Sie dazu gebracht, Ihr vorheriges Verhalten einzustellen und ihm die Aufmerksamkeit zu schenken und weiterzugehen. War das Ihr Plan? Nein, aber Ihr Hund hat sich durchgesetzt und dies sehr geschickt! Das müssen Sie schon zugeben!

Aber will dieser kleine Pöks die Weltherrschaft an sich reißen? Wohl kaum. Dennoch kann sein „niedliches“ Gebaren als (submissive) Dominanz bezeichnet werden, vor allem, wenn er diese Methode schon des Öfteren erfolgreich bei der Halterin angewendet hatte. Das Beispiel bedeutet jedenfalls nicht, dass der Lütte grundsätzlich ein dominanter Hund ist, sondern es zeigt nur auf, dass er sich in bestimmten Situationen dominant verhält und dies in Beziehung zur Halterin. In anderen Situationen  und mit anderen Menschen oder Tieren kann sich derselbe Hund völlig anders verhalten!

Und – last but not least – um dominant zu sein, muss man sich nicht aggressiv verhalten. Ein „Lächeln“ tut es manchmal auch!

Wie stellt sich ein dominanter Hund noch dar?

Meine Althündin Feenja, die ich nach Lunas Tod bei mir aufnahm, wurde vom vorherigen Halter mit ca. 14 Jahren im Tierheim abgegeben. Auf Empfehlung einer Bekannten schaute ich sie mir an und entschloss mich, diese Hündin bei mir aufzunehmen, damit sie ihre restlichen Tage in einer Familie verbringen konnte. Feenja war eine souveräne, dominante Hündin, was sicherlich auch in ihrem Alter begründet war. Sie war altersentsprechend klapprig, aber noch so fit, dass sie Waldspaziergänge in vollen Zügen genoß. Da sie Schmerzen hatte, bekam sie Tabletten dagegen, so dass sie auf ihre „Hundewürde“ nicht verzichten musste. (Sie hatte Gebärmutterkrebs, was aber in ihrem fortgeschrittenen Alter nicht mehr operiert werden sollte!)

Jedenfalls nahm ich sie einmal zu einem meiner Seminare mit und sie fügte sich wie selbstverständlich ins Gruppengeschehen ein. Plötzlich gerieten 2 juvenile Rüden aneinander und die Situation drohte zu eskalieren. Beide Hunde waren durch Maulkörbe gesichert, da sie dazu neigten, sich in Konflikte zu manövrieren.

Noch bevor wir Menschen aktiv wurden, um die beiden Rüden zu splitten, ging Feenja mehr oder weniger wackelig auf die Beiden zu, stellte sich mittig vor sie und gab einen einzigen Kläffer von sich…und siehe da, die beiden Raufbolde ließen daraufhin unverzüglich voneinander ab und waren bis auf weiteres friedlich.

Niemals hätte es die alte Dame auch nur mit einem der beiden „Kerle“ (ein Husky und ein Staff) aufnehmen können. Aber Feenja war sich ihrer so sicher, so klar und so sozialkompetent, dass die beiden Feenjas Einwand respektierten. Feenja ist ein positives Beispiel für eine (formal) dominante Persönlichkeit, im Sinne des Merkmals einer Autorität, die wissend und souverän auftritt und eher deeskalierend agiert.

Ich durfte mit der tollen Omi, Feenja, noch ein gutes Jahr verbringen! Das war viel mehr, als ich damals erwartet hatte.

Alles im grünen Dominanzbereich?

Wenn Sie und Ihr Hund nachts gerne zusammen unter der Bettdecke schlafen, Sie ihn auch einfach mal so sein lassen können, wie er es gerade möchte (Ausnahme: Gefahr im Verzug!) und Sie ihn als vollwertiges Familienmitglied oder als Freund betrachten, ist absolut nichts dagegen einzuwenden. Meinen Segen haben Sie!

Wenn allerdings Probleme vorhanden sind, die Sie nicht mehr alleine lösen können, dann ist es an der Zeit, sich Unterstützung zu holen! Manchmal ist einer der Gründe, weswegen das Zusammenleben mit einem Hund Probleme bereitet, der, dass der Hund zu häufig seinen Willen durchsetzt und sich im Grunde seines Herzens mit einer ausgewogenen Grenzsetzung viel wohler fühlen würde, weil er vielleicht die Sicherheit braucht, dass Sie alles im Griff haben.

autor_michaela_gutekunst

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