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Drohen – Bertiegeschichte

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Hallo ihr lieben Porenschwitzer,

ach was war das schön auf der Wiese. Ich bin gerannt und habe getobt und alles war super. Aber dann kam es, wie es eigentlich nicht kommen sollte. Der kleine David wurde aus Versehen von dem riesigen Goliath über den Haufen gerannt. Was steht er da auch so blöd rum, der kleine Wurm, habe ich noch gedacht und schon war es passiert. Goliath lieferte sich mit Candy ein tolles Rennen und musste schon alles geben um vorn zu bleiben. Dann versuchte er einen Haken zu schlagen und stemmte seine 65 Kg in eine viel zu enge Kurve. Naja, den Rest könnt Ihr euch sicherlich denken. Der kleine David hat sich so fürchterlich erschreckt und wahrscheinlich auch ein bisschen weh getan. Und schon standen sich die beiden, noch recht jungen und unerfahrenen Rüden, gegenüber. Eigentlich eine nicht so tolle Situation, aber letztlich eine wunderbare Fügung, die mir die Möglichkeit gibt, euch die letzten Schnauzensignale auf einen Schlag zu erklären.

bertieDavid rappelte sich auf und nahm seinen vermeintlichen Angreifer sofort ins Visier. Seine Lippen waren so weit zurück gezogen, dass fast sämtliche Zähne sichtbar waren und seine Nase zog sich bis zu den Augen in tiefe Falten. Er zeigte damit, dem viel größeren und vermeintlich stärkeren Goliath, unmissverständlich, dass er sich durch dessen Attacke bedroht fühlte und dass er notfalls auch kämpfen würde, wenn Goliath sich nicht sofort entschuldigt und zurückzieht.

Goliaths Antwort war zwar zunächst etwas zurückhaltender, aber der Situation nicht unbedingt angemessen. Er zog ebenfalls die Lippen zurück und zeigte David seine Vorderzähne. Dabei knurrte er tief drohend. Damit wollte er David zu verstehen geben, dass er sich lieber trollen und ihm nicht weiter auf die Nerven gehen sollte. Die eigentlich gar nicht direkt beteiligte Candy hingegen war von dem Stimmungsumschwung ihres  Spielpartners wohl überrascht und wusste nicht so recht, wie ihr geschah. Sie stellte sich stocksteif hin und drohte Goliath, indem sie ihren Mund zu einem C formte. Das war zusammen mit Ihren anderen Körpersignalen eine ganz klar offensive und kampfbereite Drohung in Richtung Goliath, der es auf einmal mit zwei Gegnern zu tun hatte.

Ich stand zu diesem Zeitpunkt etwas Abseits und konnte den Vorfall mit der nötigen Gelassenheit verfolgen. Deshalb blieb mein Maul geschlossen und ich schaute gebannt in Richtung des Geschehens, weil mich ja brennend interessierte, wie es weiter geht und ob ich evtl. eingreifen müsste.

Goliath hatte inzwischen seine Lefzen soweit zurück gezogen, dass nicht nur seine Zähne, sondern auch das gesamte Zahnfleisch zu sehen waren und er hatte seinen Blick direkt auf Candy gerichtet. Seine Ohren standen V-Förmig nach vorn, Körper und Rute waren imposant aufgerichtet und seine Rückenhaare standen ab, wie die Stacheln bei einem Igel. Der kleine David tauchte etwas ab und man sah ihm an, dass er jetzt lieber nicht an seiner Stelle wäre. Und auch Candy ging ein wenig in die Defensive. Auch sie machte sich kleiner und Ihre Schnauze schloss sich ein wenig. Dabei bewegte sie sich, fast unmerklich, einige Zentimeter zurück.

Es knisterte förmlich in der Luft und ein Angriff stand immer noch kurz bevor. Ich wollte mich schon in Bewegung setzen, aber ein anderer war schneller: Der alte Ben schritt behände und ruhig, jedoch trotzdem nicht minder imposant zwischen die drei Kontrahenten und machte eigentlich gar nichts, außer zu wirken. Ich hätte das natürlich genauso gemacht, aber, so gut wie mein alter Freund, beherrscht das kein anderer. Der kleine David nutze die Chance und trollte sich mit einem tiefen Seufzer in meine Richtung. Auch Candy war sichtlich erleichtert und bereit zum Rückzug. Nur Goliath konnte seine Erregung nicht sofort vergessen und machte Anstalten es mit dem alten Ben aufzunehmen.

Natürlich machte ich mich sofort auf den Weg um meinem Freund notfalls zur Seite stehen zu können, aber das war überhaupt nicht nötig. Ben stand da und imponierte. Er fixierte nicht, er drohte nicht, er wirkte einfach. Und er ließ dem Heißsporn Goliath genug Zeit, um zur Besinnung zu kommen.

Goliath wendete sich langsam ab und ging einige Schritte zum Rand der Wiese, um dort, ohne sein Bein zu heben einen großen See zu lassen. Das Gleiche tat Candy übrigens auch. Der alte Ben kontrollierte die beiden Marken noch kurz und legte sich dann wieder neben Seinem auf die Wiese.

Klar ging ich dann mal, auf ein Schwätzchen, bei ihm vorbei. „Na, alter Freund, das war aber ganz schön brenzlig!“ flüsterte ich. „Ach, Bertie, dass war doch ein Kinderspiel. So sind sie halt die jungen Wilden. Das hättest du genauso hinbekommen.“ Brummte mein alter Freund.

Na, da war ich mir nicht so sicher, aber versucht hätte ich es schon. Trotzdem war ich froh, dass er das geregelt hatte. Der alte Ben ist für solche Situationen wie gemacht. Der stellt sich dahin und zeigt allen Beteiligten ohne die geringste Aufregung: O.K., das war`s! Geht wieder spielen, für so eine Lappalie lohnt es sich nicht zu kämpfen.

Was der alte Ben da gemacht hat nennt man „Splitten“. Was es damit auf sich hat erkläre ich euch demnächst einmal.

Euer Bertie

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© Hundeschule WIR2 |  Autor: Ralf Lindner | Vervielfältigung nur zum privaten Gebrauch | Veröffentlichung in jeglicher Form nur nach schriftlicher Genehmigung | Mehr zu „Bertie“ findet Ihr auf www.bertie-der-terrier.de und www.hundeschule-wir2.de

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