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Hundeaugen – Bertiegeschichte

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Hallo liebe Freunde der Hundesprache,

wenn Ihr mich so anschaut, seht Ihr  mir doch wahrscheinlich als erstes in meine wunderschönen Augen, oder? Da fragt Ihr euch doch bestimmt diese eine, immer wieder von Menschen gestellte Frage, die da lautet: „Können diese Augen lügen?“ Nun, natürlich können sie das.

Oh, da sehe ich schon die Emails vor meinem geistigen Auge! „Bertie, du Lügner“; „Bertie, was erzählst Du denn da?“; „Du sagst einmal so und einmal so!“.

bertieJa, ja, ich weiß, ich habe gesagt, dass wir Hunde nicht lügen können. Und das stimmt auch, solange Ihr Menschen nicht wieder versucht zu interpretieren und zu bewerten. Wir können nicht lügen, aber Ihr könnt die falschen Schlüsse ziehen. Wenn ich z.B. bei Oma Katharina zum Frühstück eingeladen bin und es wieder so lecker duftet, dann setze ich mich neben sie und schaue sie mit meinen treuen Kulleraugen an – mehr nicht. Ich kann doch nichts dafür, dass die Oma in meinen Augen sieht, dass ich kurz vor dem Hungertod stehe und unbedingt die Hälfte von Ihrem Leberwurstbutterbrot bekommen muss, damit ich nicht aus dem Leben scheide! Sie sagt dann meistens so etwas wie „Och kumma, wie der wieder guckt! Das kann ich aber nicht haben …“. Und dann bekomme ich halt, was ich verlange, obwohl ich sie doch einfach nur angeschaut habe.

Aber, Scherz beiseite, die Arbeit ruft. Unsere Augen sagen mehr als tausend Worte. Z.B. verraten sie euch, wenn wir unsicher oder ängstlich sind. Ihr würdet wahrscheinlich nervös dazu sagen und das kommt auch einigermaßen hin. Wir riskieren dann, wenn überhaupt, nur ganz kurze und hektisch aussehende Blicke und blinzeln, als wenn wir in die grelle Sonne gucken müssten. Einer meiner Kollegen aus dem Fernsehen, der zeigt das besonders gut: Püppie! Püppie ist der Hund von Dr. Stratmann – dem komischen Doktor, der jetzt Kneipenwirt im WDR ist. Und Püppie „darf“ immer mit in diese Kneipe auf ein Regal hinter der Theke. Und immer wenn Püppie im Bild ist, dann versucht er dem geneigten Zuschauer mitzuteilen, dass er das da so was von Scheiße findet und dass er viel lieber zu Hause auf der Couch liegen würde. Armer Püppie! Er blinzelt was das Zeug hält, schaut immer wieder weg und zeigt noch ganz viele andere beschwichtigende Gesten, weil er sich sehr unbehaglich fühlt und weil er den Menschen in der Kneipe und den Kameras zeigen möchte, dass er keine Bedrohung für sie darstellt. Natürlich versteht das keiner und alle starren ihn weiter an. Hoffentlich bekommt er wenigstens einen angemessenen Lohn für diesen stressigen Job.

Das Blinzeln kann Püppie übrigens nicht unterdrücken. Genau so wenig, wie er es absichtlich zeigen könnte. Der Redakteur meint, dass das, außer mit dem „absichtlich“, bei euch Menschen genauso wäre. Da frag ich mich allerdings, warum Ihr nicht darauf achtet und den Püppie von seinen Qualen erlöst?

Natürlich können wir mit unseren Augen auch noch andere Dinge sagen. Wir können interessiert gucken, z.B. wegen Leberwurstbroten. Wir können (ein)fordernd gucken, auch wegen Leberwurstbroten oder wenn wir großen Hunger haben und / oder weil wir schlecht erzogen sind. Mich mal ausgenommen, versteht sich. Und wir können mit unseren Augen drohen. Das machen wir, indem wir unser Gegenüber fest anschauen, ohne blinzeln und weggucken. Anstarren würdet Ihr wohl dazu sagen. Dieses Anstarren kann erst einmal ein Warnsignal sein. Dann bedeutet es soviel, wie „Komm nicht näher, sonst geht es dir schlecht!“. Es kann aber auch eine Provokation des anderen sein und dann heißt es soviel wie, „Komm doch, wenn Du dich traust, dann wirst Du schon sehen, was Du davon hast!“. Oder aber es ist die Einleitung eines direkten Angriffes. Eure Wissenschaftler nennen dieses Anstarren auch Fixieren (eines Gegners).

Ihr Menschen könnt daraus zwei wichtige Dinge lernen: Erstens ist mit einem Hund der dich anstarrt meistens nicht gut Kirschen essen. Und zweitens, was noch viel wichtiger ist, fühlt sich ein jeder Hund der angestarrt wird, bedroht und leitet die entsprechenden Gegenmaßnahmen ein. Und dabei ist es egal, ob er von einem anderen Hund oder einem Menschen angestarrt wird. Er schließt halt immer von sich auf andere und kann sich einfach nicht vorstellen, dass ein Mensch, der ihn anstarrt es gut meinen könnte. Vor allen Dingen bei Kindern, die sich mit uns auf einer (Augen-)Höhe befinden, kann das Anstarren von uns als direkte Bedrohung empfunden werden. Und das kann dann richtig übel ausgehen. In solchen Momenten wünsche ich mir immer, wir würden alle die gleiche Sprache sprechen, damit solche Missverständnisse erst gar nicht passieren.

Vielleicht fangt Ihr mal damit an, euren Kindern unsere Sprache zu erklären. Ich helfe euch gern dabei. Eventuell ja schon nächste Woche, wenn der Redakteur genug Platz hat.

Euer Bertie

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© Hundeschule WIR2 |  Autor: Ralf Lindner | Vervielfältigung nur zum privaten Gebrauch | Veröffentlichung in jeglicher Form nur nach schriftlicher Genehmigung | Mehr zu „Bertie“ findet Ihr auf www.bertie-der-terrier.de und www.hundeschule-wir2.de

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