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Aggressionsverhalten bei Hunden

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Aggression ist ein Regulativ im Miteinander. Es ist ein lebenswichtiges Verhalten, dass sowohl Vorteile als auch Nachteile für das einzelne Individuum, aber auch für die Population einer Art mit sich bringen kann. Grundsätzlich dient es neben anderen kommunikativen Elementen dazu, die Strukturen in einer sozialen Gruppe festzulegen. Sind die Strukturen klar geordnet, werden diese nicht ständig in Frage gestellt, gibt es weniger aggressive Auseinandersetzungen innerhalb der Gruppe. Die Gruppe funktioniert stabil.

Hinsichtlich des Erbgutes ist der Zuchtgedanke nicht zu vernachlässigen. Was für eine Rasse habe ich vor mir, wozu wurde der Hund ursprünglich gezüchtet, zum Bewachen von Haus und Hof oder als Kampfhund? Die verschiedenen Umwelteinflüsse entscheiden darüber, in welcher Weise die vom Erbmaterial ausgehenden Informationen im Einzelfall verwirklicht werden. Damit ist aggressives Verhalten eine ständige Wechselwirkung von Umwelt und Erbgut. Es ist stets abhängig von Aktion und Reaktion der Agierende, auch wenn es rassespezifische Unterschiede gibt. Das Ausmaß der individuellen Bereitschaft aggressives Verhalten zu zeigen, wird damit sehr durch das Lernen des einzelnen Individuums im Lauf seines Lebens in Abhängigkeit der Interaktionen mit der belebten Umwelt beeinflusst.

Aggression ist viel ursächlich oder welche Motivationen und deren Wechelswirkungen gibt es bei aggressivem Verhalten?

Statusbedingte bzw. -gebundenen Aggression

In sozialen Gruppen (auch das Mensch-Hund-Zusammenleben ist als eine solche zu bezeichnen) etablieren sich Strukturen, d.h. es bilden sich Rollenverhältnisse im Sozialgefüge aus. Durch die Rollenverteilung in der Gruppe und die Art und Weise des Zusammenlebens bildet jedes Individuum eine Vorstellung von sich selbst aus. Dieses Selbstbild steuert wiederum das Denken, Fühlen und Verhalten des Einzelnen.

Wie wird kommunizert….
… in der Mensch-Hund-Beziehung bzw. mit dem Hund im Sozialgefüge mit dem Menschen? Was hat der Hund für Erfahrungen gemacht? Hat er die Erfahrung, in Beziehung zum Menschen oder auch anderen Hunden gemacht, alles zu dürfen, sich alles rausnehmen zu können und hat sich dabei immer durchsetzen können?

Zum einen wird dieser Hund soziale Expansion zeigen, d.h. er wird von sich aus Ressourcen erobern z.B. Raum einnehmen und den anderen in seinem Handlungsspielraum einschränken/begrenzen. Dies Verhalten dient dem sozialen Aufstieg. Zum anderen wird er seinen hohen Status sichern.

Man darf die Diskussion um soziale Beziehungsstrukturen nicht mit sozialer Aggression verwechseln. Jedoch kann aufgrund des EGO-Zuwachses, die sozialbedingte Kommunikation durch den Hund übertrieben werden und kann in Aggressionen gegenüber dem Menschen umschlagen. Der Hund wird im Bedarfsfall seinen hohen Status im sozialen Gefüge auch mittels aggressiven Verhaltens zeigen, z.B. Ressourcen verteidigen.

Das passiert immer dann, wenn das Gegenüber ihm aus seiner Sicht seinen Stand streitig machen will. Er wird sich nicht einschränken lassen wollen, insbesondere nicht körperlich. Z.B. wenn der Mensch seinen Hund räumlich einschränken will, indem er ihn ans Halsband fasst und irgendwo hinführen will. Er wird in diesem Fall selbst einschränkend auftreten. Das kann der Hintergrund bei Beißverletzungen im familiären Bereich sein.

Die Körpersprache des Hundes bei der statusgebundenen Aggression ist offensiv, d. h. nach vorne gerichtet, mit direktem Blick auf den „Gegner“. Dabei ist das Drohen selbstsicher, nach vorn gerichtet, d.h. Ohrwurzel nach vorne aufgerichtet, Nasenrückenrunzeln mit Zähne blecken bei kurzen (nach vorne gezogenen) Mundwinkeln. Der Körper ist angespannt, aufgerichtet mit durchgedrückten Beinen (macht sich groß). Die Rute ist nach oben starr bis in der Schwanzspitze wedelnd aufgestellt (soweit rassespezifisch möglich).

Ressourcenbedingte Aggression:

Hier geht es um die Verteidigung von Ressourcen. Die Verteidigung der Ressource muss dabei nicht an den Status gekoppelt sein. Die Motive sind vielfältig. Es sind z.B. Futter, Beute, Territorium, Sexualpartner, Sozialpartner.

Die tatsächlich ressourcenbedingte Aggression kennt man von den Straßenhunden. Für sie geht es unter Umständen, um das Überleben. Sie gilt es unter Kosten-Nutzen-Aspekten abwägen, wie weit sie bei der Verteidigung der Ressource gehen wollen – lohnt es sich dafür eine Verletzung in Kauf zu nehmen oder gar mit dem Leben zu zahlen?

Diese Abwägung zeigt sich zumeist auch deutlich in der Körpersprache. Diese zeigt sich als Mischausdruck. Ein schneller Wechsel zwischen defensivem und offensivem Verhalten. Der schnelle Wechsel hinsichtlich des Körperausdrucks ergibt sich, weil neben der Ressourcenverteidigung immer auch der Selbstschutz aktiviert ist.

Die Motive der Straßenhunde sind jedoch bei unseren Haus- und Familienhunden in den Hintergrund getreten. Unseren Hunden geht es grundsätzlich gut. Sie müssen nicht Hunger leiden, Kämpfe um Sexualpartner sind ebenfalls die Ausnahme. Kurz, sie stehen eigentlich vor keinen elementaren Problemen.

Aber warum gibt es dennoch ressourcenbedingte Aggressionen zwischen unseren Haus- und Familienhunden?

Die Antwort lautet, sie nutzen die Motive der Ressourcenverteidigung als Vorwand, um in die Diskussion über die soziale Beziehungsstruktur einzusteigen. Dabei werden Ansprüche geltend gemacht. Zum Beispiel hinsichtlich eines Territoriums, eines Sozialpartners, der Beute, des Futters etc. Alles, was für den Hund eine Ressource ist, also Nutzen für ihn hat, kann Auslöser von aggressivem Verhalten sein bzw. verstärkend wirken. Oftmals wird das Thema an der Leine in Form der „Leinenaggression“ sichtbar. Denn zum einen ist der Sozialpartner Mensch, die zu verteidigende Ressource und zum anderen gibt der Mensch am anderen Ende der Leine dem Hund das notwendige Selbstvertrauen, um sich den anderen gegenüber aggressiv zu verhalten.

Hunde versuchen mittels aggressivem Verhalten, das Gegenüber auf Distanz zur Ressource zu halten z.B. durch in den Weg stellen, wegdrängeln oder auch Drohen ggf. mit kurzen Attacken. Körpersprachlich zeigt er sich dabei eher misch-motiviert (außer an der Leine), d.h. häufig ein schneller Wechsel zwischen offensiv-defensivem Verhalten (defensives Verhalten will die Ressource schützen; offensives Verhalten, heißt „komm bloß nicht näher, meins“) Zum Teil schneller Wechsel zwischen offensiv und defensivem Verhalten (vor-zurück, vor-zurück).

Es gibt jedoch auch den Fall, dass die Ressource zur Selbstdarstellung genutzt wird i. S. v. „ich kann mir das erlauben..“ oder „versuch` doch, mir die Ressource streitig zu machen…“. Dies Verhalten zeigen meistens Hunde, die ein hohes Selbstbild haben. Dies zeigt sich dann in einem anderen Körperausdruck. Das Drohen ist dann eher offensiv (siehe statusgebundene Aggression).

Selbstschutz und -verteidigung

Das aggressive Verhalten kann aber auch dem Selbstschutz dienen. Z.B. hat der Hund schlechte Erfahrungen gemacht und hat nun Angst vor Strafe, Verletzung oder Schmerz dahinter stehen. Körpersprachlich zeigt sich der Hund dann defensiv. Bei zu starker Bedrängnis ohne Fluchtmöglichkeit, wird der Weg nach vorn, der „Angriff“ gesucht. Defensives Drohen, d.h. Ohrwurzel nach hinten gezogen, Nasenrückenrunzeln mit Zähne blecken, bei langen (nach hinten gezogenen) Mundwinkeln. Stirn ist glatt. Der Körper ist angespannt, aber nach hinten, eher auf Rückzug eingestellt. Die Beine sind leicht eingeknickt (macht sich eher klein). Die Rute ist nach unten bis zwischen die Beine gezogen (soweit rassespezifisch möglich).

Erlernte Aggression:

Es gibt auch noch die erlernte Form der Aggression, d.h. die Aggression wurde vom Menschen (z.B. Mensch zeigt unsicheres Verhalten bei Hundebegegnungen) oder von anderen Hunden abgeguckt (Lernen durch Observation) oder die Kombination bestimmter Auslösereize in bestimmten Situationen. Später reicht der Auslösereiz alleine aus, um die Aggression auszulösen.

Nehmen wir die Leinenaggression: Der Besitzer ist unsicher in Hundebegegnungen. Er nimmt immer dann die „Leine kurz“, wenn ein anderer Hund in Sichtweite kommt. Der Besitzer bemisst dadurch der Situation eine Bedeutung zu, allerdings eine andere als der Hund. Der Hund lernt, wenn mein Besitzer die Leine kurz nimmt, dann passiert gleich was z.B. dann kommt erfahrungsgemäß der „Erzfeind“ um die Ecke.

„Leine kurz“ wirkt wie ein Signal/Startkommando für den Hund. Der Hund bereitet sich dementsprechend vor.

Das ist Kommunikation, das Wechselspiel von Aktion und Reaktion. Zwei Thesen von Watzlawik passen hier sehr gut:

  • Zum einen kann man nicht nicht kommunizieren, d.h. selbst das (unsichere) menschliche Verhalten wird kommuniziert (wenn auch nicht verbal, aber körpersprachlich und für das Erkennen körperlicher Signale sind Hunde Experten) und
  • zum anderen hat Kommunikation kein Anfang oder Ende (Kommunikation ist kreisförmig), d.h. auch wenn es für den Hund anfänglich mal ein Motiv gegeben hat, ist jetzt vielleicht der Besitzer mit seinem Verhalten der Grund für die Aufrechterhaltung oder Verstärker des Problems.

Versucht der Besitzer nun noch den Hund mit Futter oder dem Lieblingsspielzeug ab zu lenken, wird in den meisten Fällen das aggressive Verhalten des Hundes noch verstärkt, da zusätzlich die Ressourcenverteidigung (siehe oben) als Motiv für die Aggression hinzukommt.

Frustration:

Eine weitere Form der Aggression ist die Frustration. Der Hund ist frustriert über Dinge, die er nicht zu Ende führen darf, nicht durchsetzen darf/kann. Zum Beispiel will der Hund zu
einem anderen, kann aber nicht, weil er an der Leine ist. Er ist frustriert. Dies kann sich in aggressivem Verhalten zeigen.

Umgelenkte Aggression:

Die Frustration darüber, nicht das durchsetzen zu können, was der Hund will, kann auch an den Halter umgelenkt werden. Dann wird die aggressive Reaktion an den Halter adressiert. Hier spielt ebenfalls die Beziehungskomponente eine Rolle: Der Hund ist unerzogen! Der Besitzer muss mit seinem Hund an der Frustrationstoleranz arbeiten, d.h. der Hund muss warten lernen, sich zurücknehmen lernen.

Aufdringliches Verhalten des Hundes darf nicht zum Ziel führen etc. alles in kleinen Schritten.

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